Geringschätzung klingt in allen Sprachen gleich

Bevor ich etwas sehe, höre ich: Die Nachbarn haben Handwerker.

Ein Bagger ist da und macht ordentlich Krach. So kann ich nicht arbeiten. Ich klappe also den Laptop zu und gehe raus. Laub fegen.

Draußen angekommen höre ich nicht nur den Bagger, sondern auch den Wortwechsel der arbeitenden Männer. Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe. Es könnte Polnisch sein. Oder Russisch. Egal.

Ich merke schnell: Ein Gespräch ist das nicht. Einer der Männer bellt vom Bagger herunter Anweisungen. Seine Worte klingen nach isolierten Imperativen. Nackt und ohne Begleitung. Ich bin mir sicher, dass das Wort „bitte“ nicht vorkommt. Die Satzmelodie dieser Sprache kann nicht so anders als unsere sein, dass in diesem Stakkato eine Bitte enthalten sein könnte. Nichts Wohlwollendes, kein Einvernehmen gestaltendes Element ist hörbar.

Die Hierarchie ist klar definiert.

Er oben auf dem Bagger. Wichtig. Die beiden anderen unten. Unwichtig.

Der Beller fuchtelt mit einen Papier, weist mit dem ausgestreckten Arm mal hierhin mal dorthin. Die beiden anderen Männer stehen auf Spitzhacke und Schaufel gestützt da. Sie hören zu, nicken, fragen nach. Mit einer abschließenden Verbal-Kanonade schwingt sich Bello vom Bagger herab, steigt ohne sich noch einmal umzudrehen oder zu grüßen in das Firmenfahrzeug und fährt ab.

Die beiden Handwerker sind zunächst still, als verdauten sie das Gehörte. Dann beginnen Sie, sich zu unterhalten. Ich verstehe kein Wort, aber ich höre, dass sie sich gegenseitig versichern, dass das wieder mal unmöglich war. Dass der Baggermann ihnen die Aufgaben auch hätte freundlicher vermitteln können. Sie sind ja nicht doof. Und ja, sie wissen, dass sie heute noch fertig werden müssen.

Sie arbeiten Hand in Hand und ich sehe, dass sie ein eingespieltes Team sind. Längst ist der Dialog in ein privates Gespräch übergegangen. Im Takt Ihrer Arbeit fliegen Sätze hin und her. Ein kurzes Lachen, eine Frage. Einvernehmliches Schweigen.

Mir wird bewusst, dass ich intensiver beobachtet als gefegt habe. Ich schippe meinen nicht allzu üppigen Blätterhaufen in die braune Tonne, winke einen Abschied über die Straße und schiebe ab.


Karla Nowak M.A.

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